Wolfgang
ERNST
(*1942)(A)

​Limited Fine Art, Pigmentprint Edition “Anhäufung über Wien”, 2018

Die Edition

  • Titel: Anhäufung über Wien
  • Entstehungsjahr/Editionsjahr: 1972/2018
  • Herstellungstechnik der Edition: Fine Art Print (12 Farben Pigmentprint)
  • Ausgangsmedium/Vorlagen: Originalobjekt
  • Herausgeber: Lorenz Estermann, instant-edition/limited fine art editions, vienna
  • Co-Herausgeber: Gerhard Sommer, Graz
  • Reprofoto: Lorenz Estermann
  • Druck/Bildbearbeitung: Lorenz Estermann
  • Auflage: 7 + 2 A.P. + 1 P.P.
  • Druckmedium: Photo Rag 308 gsm von Hahnemühle
  • Blattgröße: 80cm x 60cm
  • Signaturen und Nummerierung: Vorderseite, unten
  • Motivanzahl: 1 Einzelblatt (limited fine art edition)
  • Lieferumfang: 1 signierter und nummerierter Print in Flügelmappe

780,00

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Text zum Künstler von Alexandra Schantl

Wolfgang Ernst, 1942 in Wien geboren, vertritt im Kontext der österreichischen Kunst mit Stolz die Position eines Einzelgängers und Außenseiters, dessen Werk sich allen Kategorisierungen widersetzt. Seit den 1960er-Jahren auf den Gebieten der bildenden Kunst, Literatur und Musik schöpferisch tätig, hatte er 1970 und 1973 erste Ausstellungen in der Galerie nächst St. Stephan, zog sich aber bald darauf aus dem Kunstbetrieb zurück, um gänzlich anderen Tätigkeiten nachzugehen, während er gleichzeitig sein künstlerisches Schaffen unter Ausschluss der Öffentlichkeit weiter vorantrieb. Eine große retrospektive Werkschau fand zuletzt 2014 im Rahmen von ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH in der Dominikanerkirche Krems statt.

Wolfgang Ernst selbst sieht sein Schaffen im „Niemandsland“ angesiedelt, das gewissermaßen für größtmögliche Unangepasstheit und Unabhängigkeit vom materiell orientierten Zeitgeist steht. Seine Aufgabe als Künstler sieht er vor allem darin, dem ästhetischen Hedonismus unserer Eventgesellschaft etwas entgegenzusetzen, das auf die Existenz von etwas Größerem verweist.

Er fungiert dabei als Medium für ein Werk, das in seinem Purismus für sich selbst sprechen soll. Wichtig ist der Beweggrund, die Sinngebung und nicht der Produktionsakt an sich.

In Anlehnung an Boris Groys könnte man auch sagen, dass es ihm nicht um das Addieren und Akkumulieren der künstlerischen Möglichkeiten geht, sondern vielmehr um deren Reduktion. Das materielle Substrat des Kunstwerks ist für ihn nur der Anlass, nicht das Ziel. Die Relation zwischen Konzept (Intention des Autors) und Realisation soll dabei so bedeutungsoffen wie möglich sein, sodass sich aufgrund der damit einhergehenden ästhetischen Indifferenz die Aufmerksamkeit des Betrachters vorurteilsfrei auf das Sein der Dinge konzentriert.

Dieser Zustand der Absichtslosigkeit, der dadurch evoziert wird, spielt bei Wolfgang Ernst eine wesentliche Rolle, da sein künstlerisches Selbstverständnis darauf ausgerichtet ist, den Geist für Substanzielles empfänglich zu machen. Mehr noch: Rekurrierend auf seine Kenntnis philosophischer und gnostischer Schriften, erschafft er sozusagen als Ersatz für den unwiederbringlich verlorenen Urtext neue Zeichen und Sinnbilder und verbindet damit die Hoffnung, den neuzeitlichen Bruch zwischen Transzendenz und Immanenz heilen zu können. Es geht ihm dabei letztlich um die intuitive Vermittlung eines verschütteten Wissens, das jeder latent in sich trägt und das mit ästhetischen Mitteln wiedererinnert werden soll.

Das klingt auch im Titel dieser Ausstellung an: Anamnesis (griechisch νάμνησις anámnēsis „Erinnerung“) ist ein zentrales Konzept in Platons Erkenntnistheorie, dem zufolge alles Wissen in der Seele immer schon vorhanden ist, sie aber für gewöhnlich keinen Zugriff darauf hat. Erst durch äußere Anstöße kann dieses Wissen, dessen Ursprung laut Platon im transzendenten Bereich der Ideen liegt, wieder ins Bewusstsein zurückgerufen werden.

Es geht also mit anderen Worten um die Wahrheit des Seins, das für Wolfgang Ernst die Triebfeder seines Schaffens ist. Dementsprechend möchte er mit seinem Werk etwas anstoßen, eine Wirksamkeit provozieren, wobei jedoch die Nichtverständlichkeit – wie er selbst sagt – einen wesentlich größeren Impuls für ihn darstellt als die Verständlichkeit.

Der ungarische Kunsttheoretiker László F. Földényi hat Wolfgang Ernsts Arbeiten daher sehr treffend als „gewagte Sprünge ins Unbekannte“ bezeichnet, die von der Leidenschaft für das Geheimnis der Idee durchdrungen seien. In ihnen wird nicht die Idee sichtbar, sondern deren Geheimnis. Das in Ernsts aktuellen Arbeiten wiederkehrende Motiv des Gitters, das entweder auf Zeitungspapier oder Buchseiten aufgebracht ist und je nach Dichte die Lesbarkeit der jeweiligen Texte mehr oder weniger stark einschränkt, kann somit als Schutz vor Oberflächlichkeit verstanden werden. Es bringt Unbedeutendes zum Verschwinden oder lenkt den Blick auf Wesentliches und es verhindert, wie Földényi anmerkte, dass sich das Auge im Unendlichen verliert beziehungsweise zum Gefangenen der endlichen Welt wird.

Wolfgang Ernsts Arbeiten verweisen auf etwas, das jenseits des Verstandes existiert, nämlich auf das Nichts, in dem die Schönheit haust, wie er es selbst einmal formuliert hat. Insofern ist es naheliegend, dass er mit den Urprinzipien der Schöpfung operiert: dem Wort, der Leere, dem Licht und der Dunkelheit.

In Anbetracht des damit einhergehenden Kampfes mit dem Unaussprechlichen können seine Arbeiten nicht zuletzt aber auch unter dem Aspekt der Stille oder des Schweigens betrachtet werden.

Dieses Ringen der geistigen Impulse mit den profanen Mitteln der Umsetzung beschreibt Susan Sontag in einem ihrer frühen Essays, auf den ich dankenswerterweise durch Wolfang Ernst aufmerksam geworden bin, als ein Wesensmerkmal moderner Kunst mit der Konsequenz, dass Kunst immer mehr zur asketischen Übung gerät. In der Hoffnung, die Unzulänglichkeiten der Werkzeuge respektive der Sprache zu überwinden, würden Künstler daher im Schweigen Zuflucht suchen. Gemeint ist damit eine Art transzendentes Schweigen, das die Erkenntnis des Scheiterns impliziert und ästhetischen Charakter annimmt.

Es manifestiert sich – wie dies bei Wolfgang Ernst der Fall ist – in Kunstwerken, die zwar etwas zum Ausdruck bringen, gleichzeitig aber auch etwas verbergen. Durch ihr Schweigen steigern sie die Aufmerksamkeit des Rezipienten, verlangen aber nach einer ebenso unvoreingenommenen wie selbstvergessenen Betrachtungsweise. Was aber letztlich nichts daran ändert, dass die Kunstwerke an sich genauso unbeschreiblich bleiben wie die individuellen Impulse, aus denen sie ursprünglich hervorgegangen sind. Es wird mithin ein doppeltes Unbehagen spürbar, das Susan Sontag als einen Mangel und zugleich einen Überfluss an Worten identifiziert hat. Dies führe zu einer Hyperaktivität des Bewusstseins, die dem menschlichen Fühlen und Handeln abträglich sei insofern als sie den Geist und die Sinne abstumpfe. Im Sinne eines Gegenmittels oder einer Art Schocktherapie basiere wirkmächtige Kunst daher auf dem Konzept der Stille.

Text: Alexandra Schantl

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